Eine Frage des Standpunkts: Die Perspektive

Wesentlichen Einfluss auf die Bildwirkung hat die Wahl der Perspektive. Zum einen bestimmt die Blickrichtung auf den Gegenstand der Betrachtung dessen Ansicht. Zum anderen bestimmen der Abstand zum Objekt und der Bildausschnitt wesentlich das Umfeld des Gegenstands.

Bereits der Blickwinkel kann ganz maßgeblich die Bildaussage beeinflussen. So lässt sich z. B. ein Bauwerk als dramatisch hoch darstellen, wenn man ganz nahe herangeht und die Kamera schräg nach oben richtet. Den Regeln der Zentralperspektive folgend ergeben sich mit zunehmender Entfernung stark verjüngende Baukörper. Ein Turm wirkt auf ganz andere Weise hoch als wenn er aus großer Entfernung aufgenommen wird. Das heißt nicht unbedingt, dass der Turm aus der Ferne weniger hoch wirke als wenn man ihn mit stürzender Perspektive aus der Nähe aufnimmt. Umstehende Bauwerke und andere Gegenstände können bei dem Blick aus der Ferne einen Eindruck davon vermitteln, wie hoch der Turm ist.

Leuchtturm Darßer Ort
Leuchtturm Darßer Ort

Die oben gezeigten Bilder vom Leuchtturm zeigen noch etwas Weiteres: durch die Einbeziehung von Gegenständen (hier der Bewuchs des Geländes) in den Vordergrund des Bildes kann man dem Bild erheblich Tiefe geben; es wirkt weniger flach und verstärkt den Eindruck von der Tiefe der Szenerie.

Durch die Wiedergabe verschiedener Objekte in der Tiefe (Vordergrund, Hauptobjekt, Hintergrund) erhält das Sujet des Bildes einen Kontext, in den es eingebettet wird. Weiter wirkt das Bild nicht nur tiefer, sondern auch lebendiger, indem der Betrachter nicht nur wie von der Ferne auf das Bild schaut, sondern praktisch in das Bild hineingezogen wird. Es wirkt fast so, als wäre der Betrachter unsichtbarer Teil des Bilds, indem er in die Position vor dem Vordergrund gebracht wird. Die beiden nachfolgenden Bilder zeigen noch einmal den Effekt, den es hat, den Vordergrund mit in das Bild einzubeziehen: die Sichtbarkeit des Strands in dem einen Bild gibt dem Betrachter einen Standort am Ufer des Flusses, während in dem anderen Bild der Betrachter irgendwo ist: er könnte auf einem Boot oder am Strand sein.

Queen Mary Two in Hamburg
Queen Mary Two in Hamburg

Nun geht es um die Entfernung zum Objekt und den Bildausschnitt. In der technischen Umsetzung haben wir es mit der Entfernung, dem Aufnahmewinkel des Objektivs und gestalterischen Fragen (z. B. Weglassen von Objekten) zu tun. Benutzt man eine Kamera mit einem Objektiv mit fester Brennweite, ist dafür, was alles (mit) auf das Bild kommt, der Abstand zum Sujet maßgeblich. Ein größeres Gebäude verlangt, wenn es in Gänze gezeigt werden soll, einen größeren Aufnahmeabstand als eine kleine Blume. Soll die Blume mit ihrem Umfeld gezeigt werden, muss der Aufnahmeabstand größer gewählt werden als wenn die Blume allein gezeigt werden soll.

Mit einer Auswahl an Objektiven verschiedener Brennweiten oder einem Zoom-Objektiv wird es einerseits einfacher, weil eine Veränderung des Aufnahmeabstands nicht mehr notwendig ist, um den Bildausschnitt zu verändern. Durch die Veränderung der Brennweite verändern wir den Bildausschnitt. Der Aufnahmeabstand ist aber weiterhin bedeutsam für die Bildwirkung, weil durch die Kombination von Aufnahmeabstand und Brennweite nicht bloß die Größe des Hauptmotivs auf dem Bild verändert wird, sondern auch das Größenverhältnis zwischen Objekten im Vordergrund, dem Hauptmotiv und Objekten im Hintergrund. Das soll ein Beispiel verdeutlichen. Eine Person auf dem Marktplatz soll abgebildet werden. Nimmt man ein Weitwinkelobjektiv und geht nah an die Person heran, wird sie genau so groß im Bild gezeigt wie wenn man mit einem Teleobjektiv aus einer größeren Entfernung operiert. Befinden sich weitere Personen im Hintergrund, sehen sie auf dem Bild vom Weitwinkelobjektiv kleiner und weiter entfernt aus als auf dem Bild vom Teleobjektiv. Das Teleobjektiv führt zu einem verdichteten Eindruck. So kann man z. B. steuern, ob ein Verkäufer auf dem Markt eher wie alleine wirkt oder inmitten der Menschen.

So bringt ein Zoomobjektiv bzw. eine Auswahl an Objektiven mit verschiedenen Brennweiten nicht nur mehr Flexibilität, sondern darüber hinaus auch Spielraum für die kreative Bildgestaltung. Um die optimale Bildwirkung zu erzielen, kann es oftmals entscheidend sein, seinen Standpunkt und die Kameraeinstellungen mehrfach zu variieren.